"Vergessene Kinder" in Berlin vom 31.3. – 30.6. 2008

Projektbeschreibung
In den letzten Wochen sind immer wieder Schicksale von Kindern in den Focus der Medien geraten. Die bekannt gewordenen Fälle allerdings stellen nur die Spitze des Eisbergs dar. Die Not vieler Kinder ist ein Ausdruck des Zustandes unserer Gesellschaft.
Kinder verwahrlosen, verhungern, werden misshandelt und missbraucht.
Eltern nehmen ihre Verantwortung nicht wahr, sind überfordert, unfähig.
Jugendämter und öffentliche Fürsorge geraten in die Kritik, kritisieren ihrerseits zunehmend mangelnde personelle und finanzielle Ausstattung.
Die Schicksale der Kinder werden medial aufbereitet, rufen Entsetzen und Empörung hervor.
Diskussionen und Debatten entzünden sich. Stichworte: Unterschichten, Chancengerechtigkeit, Bildung, Kinderarmut. Fragen nach Schuld und Versagen werden gestellt.
Die Kinder geraten kurzfristig in den Fokus. Und dann? Was wird wirklich geändert am Bildungssystem? Werden die Einsparungen im sozialen Bereich zurückgenommen?
Ist nicht ein Großteil der Kinder von Geburt an, von vornherein, abgeschrieben, abgehängt, chancenlos, vergessen? Ist ihr Lebensweg vorgezeichnet?
Die Gesellschaft, die Medien wenden sich nach kurzer Aufregung anderen Geschehnissen oder der Tagesordnung zu. Erneut werden die Kinder vergessen.
Nachdem sie als Opfer Schlagzeilen gemacht haben, fallen sie zurück in die Anonymität. Bis das Nächste verhungert, zu Tode geprügelt, vergewaltigt wird. Medienwirksam.
Doch diese Einzelschicksale sind lediglich die Spitze des Eisbergs. Kinder werden vergessen bei der Planung unserer Städte, bei mangelnder Investition in Bildung, bei der Betreuungshilfe für Alleinerziehende oder individueller Karriereplanung.
Nicht nur das Vergangene wird vergessen, sondern auch Gegenwart und Zukunft.
Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen.
Wir sind im Verlauf unserer Auseinandersetzung mit diesen Problematiken zu der Erkenntnis gelangt, dass sich unsere Bearbeitung nicht allein auf Menschen der Altersgruppe 0-18 konzentrieren kann, da wir so der Fülle von Ursachen, Hintergründen, Erscheinungsformen und Auswirkungen nicht gerecht werden könnten. In der Kindheit erlebte Verletzung und Vernachlässigung bestimmen ein ganzes Leben, beeinflussen die Handlungen Erwachsener und werden weitergereicht an folgende Generationen. Auch das Verhältnis zwischen Staat, Gesellschaft und Individuen kann unter diesem Aspekt gesehen werden.
So nähern wir uns der Thematik auf unsere ganz individuelle, durchaus unterschiedliche Weise an, wobei es auch immer wieder zu Berührungspunkten kommt.


Klaus Behncke verfolgt einen historisch- gesellschaftspolitischen Ansatz:
Was mich am Thema reizt, ist der Widerspruch (Dualität) zwischen der Individualisierung und all ihren Folgen sowie dem, was auf der „anderen Seite“ als Staat oder Gesellschaft steht.
Je weiter sich die Gesellschaft individualisiert, sich der Einzelne in Freiheit, Freizügigkeit und Belieben verliert, desto mehr gerät der Staat, die Gesellschaft zur Person. Oder: Der Rückzug aus der Verantwortung des Einzelnen für das Ganze macht das Ganze unkonkret, fremd, befremdlich, abstrakt. Rückzug aus Politik, und Parteien hinterlässt die Politik, die Parteien, die Gewerkschaften, Kirche usw. Fremdartige, undurchsichtige Gebilde, die unbeeinflussbar unsere Existenz mitbestimmen. Die Individualisierung des Einzelnen erzeugt die Personalisierung des Ganzen als homogenes Ganzes.
Der Einzelne und der Staat (als Synonym für das Ganze) entfremden sich voneinander. Wo die Individuen die Kinder des Staates sein sollten, vergisst dieser sie, wo der Staat das gemeinsame Projekt, das „Kind“ aller sein sollte, vergessen diese ihn. Ein doppeltes Vergessen.
Wo der Einzelne mit seiner Freiheit nicht mehr zurechtkommt, wird der Ruf nach dem Staat, der Gesellschaft laut, der in der Uferlosigkeit Orientierungspunkte setzt, Regularien, Kontrolle, Anweisung und Richtung schaffen soll.
Als maßgebendes Prinzip – wie im Kapitalismus nicht anders möglich – regiert die Ökonomie. Sie bestimmt das Verhalten des Einzelnen wie das des Staates. Im Spannungsfeld des Verhältnisses beider bestimmt die Ökonomie die Handlungsspielräume.
Die Ereignisse, die den Anlass zur künstlerischen Auseinandersetzung gaben, sind nicht nur, aber eben auch Auswüchse dieses Spannungsfeldes.

Karin Zimmermann reagiert aus persönlich-emotionalem Berührtsein:
Wir sind alle „vergessene Kinder“. Uns allen fehlt – in unterschiedlichem Ausmaß, je nach unseren Startbedingungen, etwas in der Menschbildung, im Mensch-Sein.
Die Lebenswirklichkeit richtet sich zunehmend nach der Maßgabe der Ökonomie. Wo wirtschaftlicher Erfolg zum Maßstab für Anerkennung wird, entsteht Unsicherheit. In diesem System Platz zu finden und ihn zu behaupten, schafft Spannungen, teilweise Druck und Ängste. Bereits von früher Kindheit an greift dieses System. Ein Wertekatalog entsteht, der ausgrenzt und Isolation derjenigen schafft, die den ökonomischen Bedingungen, dem Vergleich mit anderen nicht standhalten. Milieus werden festgeschrieben, die die Vernachlässigung von Kindern begünstigen. Welche Chancen auf Bildung, Ausbildung werden diese Kinder haben? Wie verändert sich die Gesellschaft, wenn sie erwachsen sind?
Auch die schulische Bildung, von der Grundschule bis zur Universität, unterliegt mehr und mehr dem Diktat der Ökonomie. Wir sprechen von „Investitionen“. Leistung bestimmt den Schulalltag, Wissen gerät zum ökonomischen Gut (Wissensgesellschaft). Gefördert wird lediglich, was Rendite verspricht.
Soziale, kommunikative, auch körperliche Intelligenz geraten ins Abseits.
Die Spitze des Eisbergs (die medial aufbereiteten Fälle misshandelter Kinder) wird zum Symbol für zunehmende emotionale und soziale Kälte.
Doch die Intention unserer Arbeit wäre unserer Auffassung nach verfehlt, wenn wir es dabei beließen, den Finger in Wunden zu legen und ihn anschließend mahnend zu heben.
Unser erster Schritt besteht durchaus im Bewusstmachen der Problematik mit unseren künstlerischen Mitteln. (Kunst will aufwecken!). Wir sehen jedoch, dass bereits ein Prozess des Erkennens eröffnet ist, auf einer breiten Ebene wird diskutiert und erforscht. Dies halten wir für einen hoffnungsvollen Beginn. Er kommt der Situation auf einer Baustelle gleich, wo aus Lärm, Dreck und scheinbarem Chaos etwas Neues entstehen soll.
In unserer künstlerischen Bearbeitung wird der Begriff der Gleichwürdigkeit eine große Rolle spielen, welcher sowohl das Verhältnis der Generationen, wie auch das des Staates, der Gesellschaft zu seinen Mitgliedern bestimmen sollte.
Es wird unmöglich sein, das Thema ins seinem vollen Umfang und seiner Komplexität erschöpfend zu behandeln. Wir werden uns auf Teilaspekte beschränken, anhand derer wir unsere Position dokumentieren und zu denen wir Fragen stellen.
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