"Vergessene Kinder" in Cuxhaven

Die Ausstellung „Vergessene Kinder“, die von März bis Juni 2008 in Berlin zu sehen war, wurde ab dem 13. September 2009 im Cuxhavener Schloss Ritzebüttel gezeigt.
Gegenüber der Berliner Präsentation im Gebäude der Hauptverwaltung der Gewerkschaft ver.di musste die Cuxhavener Ausstellung den räumlichen Gegebenheiten angepasst werden. Statt großer, klarer, zweckmäßig sachlicher Räumlichkeiten, statt Stahl, Glas und Beton waren es nunmehr die niedrigen Decken, zum Teil kleine, puppenstubenartige Zimmer, viel Holz und ein gediegenes Interieur und Mobiliar, die das räumliche Umfeld dieser Ausstellung bildeten. Die Ästhetik dieser Umgebung schien wenig zur sozialen und politischen Thematik passen zu wollen, so dass der augenfällige Kontrast einen wichtigen Bestandteil der Konzeption bildete. Die Positionierung der Ausstellungsstücke wurde weniger den üblichen ästhetischen Gesichtspunkten untergeordnet als der Aufgabe, den Kontext von Raum und Inhalt herzustellen.

Darüber hinaus fand auch eine inhaltliche Überarbeitung statt. Während einige Exponate der Berliner Präsentation in Cuxhaven nicht gezeigt werden konnten, fanden einige neuere Arbeiten Berücksichtigung. So gab es eine Videoinstallation, die wiederum Teil einer Rauminstallation war. Einige Ausstellungsstücke wurden überarbeitet oder neu gestaltet.
Seit dem Beginn der Ausstellungskonzeption, der gedanklichen und thematischen Arbeit im Jahr 2006 hatten sich in der Problematik der verwahrloster und misshandelter Kinder Entwicklungen ergeben, denen es Rechnung zu tragen galt. Auch wenn das Thema etwas aus dem Fokus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden ist und nicht mehr im gleichen Maße durch mediale Omnipräsenz auffällt, so hat sich an seinem Vorhandensein und seiner nach wie vor dringlichen Gültigkeit kaum etwas verändert.

Im Rahmen der Ausstellung fand eine Lesung mit der Autorin und Journalistin (Die Zeit) Ulrike Meyer-Timpe statt, deren Buch „Unsere armen Kinder – Wie Deutschland seine Zukunft verspielt“ viele der Aspekte behandelte, die auch wir versucht haben, künstlerisch umzusetzen. Auf der gleichen Veranstaltung war auch der vielfach preisgekrönte Film „Zirkus is nich“ zu sehen, der die Thematik am Beispiel einer alleinerziehenden Mutter aus dem Berliner Stadtteil Marzahn darstellt. (20. 10. 09, Schloss Ritzebüttel, Cuxhaven)
Rede zur Einführung von Donata Holz, Kulturwissenschaftlerin, Worpswede
Ausstellung „Vergessene Kinder” von Karin Zimmermann und Klaus Behncke, Schloss Ritzebüttel am 13. September 2009
Kunst ist eine Sache allertiefster Menschlichkeit, eine Probe auf den Feingehalt von Geist und Seele.(Ernst Barlach 1870-1938)
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
mit diesen Gedanken des Bildhauers Ernst Barlach, möchte ich Sie ganz herzlich begrüßen, nähert sich das Künstlerpaar Karin Zimmermann und Klaus Behncke mit ihrer Ausstellung doch genau der Frage nach der tiefsten Menschlichkeit, die ja gerade mit dem aufblühenden Leben der Kinder beginnt.
Kinder werden vergessen, vernachlässigt, mißhandelt....das sind die traurigen Botschaften, die fast täglich durch die Presse gehen, wobei dies wohl nur die Einzelfälle sind. Es gibt sicher noch eine viel höhere Dunkelziffer.
Dabei sind es nicht nicht allein die Kinder aus dem sozial schwachem Umfeld, deren Vernachlässigung offensichtlich wird, auch Kinder aus wohlhabenden Familien werden seelisch vernachlässigt, wenn Zuwendungen nur noch auf der materiellen Ebene erfolgen.
Klaus Behncke und Karin Zimmermann sehen in den Einzelschicksalen von Kindern, die in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten, lediglich die Spitze des Eisbergs.
Sie sind davon überzeugt, dass viele Kinder oft von Geburt an chancenlos sind, werden sie doch – so ihre Beobachtungen - auch von der Gesellschaft vernachlässigt.
Das, so die Künstler, zeige sich in der Planung von Städten, durch mangelnde Investition in Bildung oder durch ungenügende Unterstützung Alleinerziehender.
So setzt sich das Künstlerpaar in dieser Ausstellung sowohl mit den Problematiken der Eltern-Kind-Situation auseinander, als auch mit dem politischen und gesellschaftlichen Umfeld.
Dabei stellen sie die Frage nach der Gleichheit. Die Künstler prägen in diesem Zusammenhang den Begriff der „Gleichwürdigkeit”.
Gleichwürdigkeit meinen sie hier einerseits im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern sowie im Verhältnis von Staat, Politik und Gesellschaft zum Einzelnen.
Das Prinzip der Arbeit von Klaus Behncke und Karin Zimmermann ist es, wach zu sein für gesellschaftliche und politische Missstände und diese in einem komplexen Projekt, wie diesem, zu visualisieren. Dazu nutzen sie jeweils der Aussage folgend unterschiedliche Ausdrucksformen wie Bilder, Skulpturen,Objekte und Videoinstallationen.
Am Beginn der Ausstellung werden wir als Besucher zunächst mit Fragen konfrontiert, die uns deutlich machen, was der Begriff „Vergessen” bedeutet, und wie schnell man im Alltag nicht nur Begegnungen und Aufgaben, sondern auch Menschen vergessen kann, die einem nahe stehen.
Doch niemals sollten wir vergessen „Was ein Kind braucht”. Dieses Gedicht von Hans Maiwald aus den 1970er Jahren vermitteln uns dies sehr eindringlich.
Aufgeschrieben wurde es für die Ausstellung von Kindern
Wichtige Säulen für den Lebensweg von Kindern sind vor allem zwischenmenschliche Beziehungen. Hier werden sie durch ein Geflecht aus Metalldraht deutlich gemacht, das verstrickt und verwoben ist. Getragen werden die Beziehungen von den vier Säulen, die Authentizität, Integrität, Verantwortung und Gleichwürdigkeit symbolisieren. Da diese jedoch nicht gleich groß sind, droht das Beziehungsgeflecht zu kippen.
Wie das Objekt von Karin Zimmermann die Grundlagen verdeutlicht, auf denen Beziehungen basieren, setzt sich Klaus Behncke in seinen umrahmenden Gemälden mit dem Verhältnis zwischen dem Staat und den Bürgern, also dem des Individuums zur Gesellschaft, auseinander.
In seiner Arbeit „Die Freiheit und ihr Volk” zitiert Klaus Behncke ein Gemälde von Eugène Delacroix, aber im Gegensatz zu dem französischen Romantiker fehlt bei ihm das Volk. Die revolutionäre Figur, die zudem schon halb versteinert ist, wirkt nur noch wie eine Reminiszenz an die Vergangenheit auf einem menschenleeren Feld.
Der Rückzug der Bevölkerung aus dem politischen und gesellschaftlichen Geschehen und die Individualisierung werden hier offensichtlich.
In einem weiteren Gemälde vermittelt der Künstler seine Gedanken, wenn er über „Stützen der Gesellschaft” nachdenkt und diese als Säulen auf einen brüchigen Boden stellt.
Hier wie auch in weiteren Kompositionen wie „Sitzverteilung” werden in der Kompositionsweise Anklänge der metaphysischen Psychologie eines Giorgio de Chirico spürbar.
Betreten wir jetzt den Ausstellungsraum im zweiten Stock, werden wir unmittelbar mit drei Gemälden von Karin Zimmermann konfrontiert. „Da musst du durch” nennt die Künstlerin diese Werke, die durch ihre abstrakten Kompositionen, wie undurchdringbarer Nebel, eine geschlossene Marmorwand und ein labyrinthähnliches Geflecht die Wege versperren.
Schon allein die Hängung der Bilder erscheint wie eine Barriere. Der Betrachter ist nun aufgefordert, den Weg in den hinteren Bereich des Raumes zu finden. Blickt man nun auf die Rückseite der drei Bilder, offenbart die weiß gemalte Horizontlinie, die den Eindruck von Weite und das Vorhandensein zahlloser Möglichkeiten.
Doch dann wird man mit der bedrückenden Arbeit „Die Eingrenzung des Unfassbaren” konfrontiert.
Wir blicken auf einen monumentalen Strichcode, wie man ihn von den Waren des täglichen Lebens kennt, Hier löst sich der Code jedoch zu den Seiten und nach oben hin auf.
Bei genauem Hinschauen wird deutlich, dass sich die Einzellinien des scheinbar so sachlichen Codes aus Ultraschallfotos von ungeborenen Kindern ergeben.
Schon von Geburt an, das macht Karin Zimmermann hier drastisch deutlich, sind die Kinder codiert, durch ihre Lebenssituation geprägt.
Die Künstlerin wünscht sich, dass sich der Code auflösen möge und unlesbar wird, damit jedes der Kinder eine gleiche Chance hat und unvoreingenommen ins Leben starten kann.
Doch mit ihrer Arbeit „Wo endet der Kreis?” offenbart die Künstlerin Zweifel, denn hier sind Gesichter zu erkennen, die die von gewaltsamer Einwirkung sprechen. Und es wird deutlich. Ein Kreis hat kein Ende.
Betrachten wir an dieser Stelle einmal den technischen und kompositorischen Aspekt der Bilder von Karin Zimmermann, so zeigt sich, dass Abstraktion und Figürliches nebeneinander stehen. Die Künstlerin setzt ihre Bildsprache jeweils dem Inhalt folgend ein.
Dabei kommt es nicht allein zu dieser inhaltlichen, sondern auch zu einer technischen Konsequenz im Umgang mit Farbe und Form.
Blicken wir jetzt auf die „Zerreißprobe” von Klaus Behncke. Das Holzobjekt erscheint wie ein überdimensionaler Reißverschluss, in dem einige Glieder miteinander verzahnt sind, andere sich in einem Abstand gegenüber stehen. Es bleibt die Frage, ob sich das System öffnet oder schließt. Eine Verzahnung, ein schlüssiges Gefüge wäre notwendig für ein Zusammenwirken von Staat, Gesellschaft und Individuum.
Der Künstler hat sich hier für den Werkstoff Holz entschieden, um die Starre und Unbeweglichkeit der einzelnen Glieder deutlich zu machen. Fügen sie sich jedoch sich zusammen, sind sie ein starker, nicht zu zerreißender Verbund. Mahnend steht die Größe des Objekts für die Dringlichkeit dieses Zusammenschlusses.
Verlassen wir jetzt den Ausstellungsraum und betreten die kleinen Räume, die einst wohl als Wohnräume für die Schlossbewohner dienten.
In jedem der kleinen Räume erwartet uns eine Inszenierung, die ebenso bedrückend ist, wie die Enge der Räume.
In einem Beet befinden sich Gemälde, die einer Saat gleich alle Anlagen und Möglichkeiten visualisieren, die verschiedene Kinder von Geburt an in sich tragen. "Mit Blühgarantie" nennt Karin Zimmermann dieses Objekt, das den Zweifel an dem Gedeihen der Saat in sich birgt. Es sind die vergessenen Kinder, denen die Gesellschaft keine Chance gibt zu erblühen, denn die Erde in diesem Beet ist Graberde.
Umrahmt wird die Installation von Gemälden, die junge Mädchen mit einer viel zu frühen Schwangerschaft symbolisieren. In der Arbeit „Glück-Wunsch” geht es um die Sehnsucht nach einer heilen Familie, während die „Inneneinrichtung” die Zerrissenheit einer zerstörten Seele verdeutlichen soll.
Bedrückend ist der Blick in den Raum, aus dem uns eine nackte Puppe entgegenblickt. Sie sitzt in einer geöffneten Tür. Grau ist das Umfeld, allein ein rote Spur wird deutlich. Unweigerlich denkt man an Misshandlung. Dieser Eindruck wird durch das Objekt „Oh süßer Schmerz”, das Spielsachen und Kuscheltiere sowie Kerzen und Blumen in sich birgt, bestärkt.
Unwirtlich wirkt der letzte Raum der Ausstellung: Auf dem Tisch liegen Plastiksets, Aschenbecher, leere Flaschen, Windeln, und Spielzeug werden zu einem Stillleben, das einen drastischen Kontrast zu zu dem musealen Raum bildet.
Zudem läuft den ganzen Tag der Fernseher. Zu sehen ist jedoch nicht das tägliche Programm, sondern nur Hände.
Es sind Hände von Menschen, die allein sind, keine Arbeit, keine Zukunft oder keine Chance haben.
Es sind Hände, die Flaschen öffnen, Zigaretten drehen, mit der Fernbedienung oder mit sich selbst spielen.
Hier in diesem Raum werden wohl Menschen leben, die selbst schon „vergessene Kinder” waren und gar keine Möglichkeiten haben, ihre Kinder gut zu versorgen und zu betreuen.
Denken wir noch einmal an die Gemälde mit der Frage „Wo endet der Kreis?”, müssen wir wiederum antworten „Nie”
Erst wenn der Kreis durchbrochen wird, ist ein Neubeginn möglich, sonst wird es immer so weiter gehen, über Generationen hinweg.
Kunst ist eine Sache allertiefster Menschlichkeit, eine Probe auf den Feingehalt von Geist und Seele.
sagt Ernst Barlach.
Karin Zimmermann und Klaus Behncke zeigen in dieser eindrucksvollen Ausstellung ihren „Feingehalt von Geist und Seele”,
einerseits fühlen sie sich tief in die Seelen anderer ein, zeigen Ursachen, Wirkungen und Missstände auf und machen gleichzeitig deutlich, dass die vergessenen Kinder von heute, Vergessende von morgen sind, weil sie es nicht besser wissen.
Künstler haben die Möglichkeit durch ihre Arbeit gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen und zu verdeutlichen.
Doch die Eindringlichkeit ergibt sich erst durch die konsequente und authentische Umsetzung
Bei Karin Zimmermann und Klaus Behncke schmelzen beide Fähigkeiten zu einem eindrucksvollen Werk zusammen.
Enden möchte ich mit einem Zitat von Josef Beuys:
„Nur aus der Kreativität des Menschen heraus können sich Verhältnisse ändern”,
Beuys ging dabei jedoch davon aus, dass jeder Mensch ein Künstler ist.
Und so sind wir alle aufgefordert aufmerksam und achtsam zu sein und nach unseren Möglichkeiten kreativ einzuwirken und geschlossene Kreise zu durchbrechen.
In diesem Sinne meine Damen und Herren wünsche ich Ihnen jetzt eine anregende Auseinandersetzung mit der Ausstellung und Ihnen Frau Zimmermann und Herr Behncke viel Erfolg mit dieser so notwendigen und eindringlichen Ausstellung.
Donata Holz
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